Dynamo Kiew - Borussia Dortmund
2 - 2

 

11.09.01 , Anstoß 20:45 , Centralnyi Stadion, Kiew
Champions-League

 

Gegen 22 Uhr stieg man in Bielefeld am Sonntagbend in den Zug in dem sich bereits 11 Sportsfreunde befanden. Bis zum nächsten Umsteigetermin um 05:00 in Posen wurde eigentlich kaum gepennt. Stattdessen begann man damit die flüssigen Vorräte ein wenig zu vertilgen. Trotz etwas Verspätung erwischte man in Posen seinen Anschlusszug bei dem es sich um richtigen Asiwaggon hielt. So bekam man auch nur sporadisch hin und wieder ein Auge zu. Auf dieser Strecke nach Kattowitz begann für mich auch eine kleine Odyssee. Neben der unruhigen Schienenlage gesellten sich unzählige Magenkrämpfe sowie starke Übelkeit. Nach einigen WC-Besuchen hatte ich beim Aufenthalt in Kattowitz schon Probleme mich überhaupt auf den Beinen zu halten. (ganz am Rande: ich glaube in ganz Polen steht mindestens an jedem 2. Haus irgendwas von Kattowitz, Chorzow oder Legia Hooligans gesprüht). In dem nächsten, nun wieder etwas komfortableren, Zug Richtung ukrainische Grenze war der Ofen das erste Mal aus. Kurz vorm kollabieren kam ein Notarzt in den Zug und behandelte mich kurz. Trotz Rat des Arztes begleitete ich ihn aber nicht in ein Krankenhaus sondern fuhr weiter. Wahrscheinlich hätte mich eh keiner verstehen können, und ausserdem bricht man ungern so eine Reise ab wenn man schon so weit gefahren ist. Kurz vorm nächsten Umsteigepunkt (Przmysl) überkam mich erneut eine Art von Kreislaufzusammenbruch der jedoch auch irgendwann wieder vorüberging. Nachdem man sich in dieser doch recht hübschen Fastgrenzstadt mit Tabletten eingedeckt hatte stieg man nun in den Zug nach Kiew. Der Zug besand aus jeweils 2 übereinander sich befindlichen Pritschen. Allerdings gab es keine Abteile sondern nur sporadische Abtrennungen. Man fühlte sich ein wenig wie in einem Gefängnis. Besonders seltsam auch daß ausser uns anscheinend niemand anderes mitreiste ausser einem komischen Kautz der Fahrräder schmuggeln wollte. Über die Sanitären Anlagen in diesem Vehicle halte ich mal besser den Mantel des Schweigens. In unserem Waggon befanden sich auch 2 ganz unseriöse ukrainische Gestalten die so einen möchtegern Bordservice dastellten. Einer der beiden, (fette Sau), hatte anscheinend nur die Aufgabe auf Toilette zu gehen oder sich in seiner Trainigsbuchse einen runter zu holen. Auf jeden Fall recht sinnlose Person. Die 2.Figur war anscheinend für die Abzocke von Westeuropäern zuständig. Als er merkte das Arthur der polnischen Sprache mächtig war versuchte er ihm zu verklickern das unsere Tickets nur bis Lvov gültig sein, da wir über Kattowitz und nicht über Warschau angereist waren. Totaler quatsch. Wenn wir aber jeder 10 Dollar zahlen würden, bekämen unsere Tickets auf einmal Gültigkeit. Auf diesen Nepp ging man zunächst ein. Nach Prüfung der Fahrpläne stellte sich doch heraus dass es besser wäre dieses Handgeld zu bezahlen, da man ansonsten die ganze Nacht in Lvov warten müsste. Als nächstes kam unser Serviceman mit Zollpapieren um die Ecke in der wir ausfüllen sollten wieviel Bargeld wir dabei hätten. Jetzt hatten wir allerdings die Nase voll. Die Papiere wurden kollektiv nicht ausgefüllt was Kollege Kanisterkopp etwas verärgerte. Hatte er wahrscheinlich schon mit weiterem Beschissgeld gerechnet. Nachdem der Grenzübergang ohne größere Probleme bewältigt wurde stiegen irgendwo ein Haufen Ukrainer ein, die irgendwo anders in der Prärie auch allesamt wieder ausstiegen (?). Gegen 08:00 Uhr erreichte man ,38 Stunden nach der Abfahrt in Dortmund, Kiew-Hauptbahnhof wo man vom Kamerateam des WDR empfangen wurde. Nach ein paar Statements einiger Kollegen wurden zunächst die Reservierungen für die Rückfahrt erledigt bevor man sich auf den Weg zum Stadion machte. Nachdem das Kommando U-Bahn aufgrund der kyrillischen Schrift ad acta gelegt worden war wählte man die Taxi-Variante. Der ganze Bahnhofsvorplatz war voll mit Taxi-Nasen die den Wessi-Nepp witterten. Zu halbwegs fairen Preis wurde man dann in 3 Taxis zum Stadion chauffiert. Dort ging es erstmal auf Hotelsuche. Die meiseten lagen bei 60 Dollar pro Person sodaß sich eine kleine Abordnung Richtung City aufmachte um nach was billigerem zu suchen. In der Zeit campierte der Rest vorm Hotel Sport, liess sich dort von Bauarbeitern mit Muttern bewerfen und erkundete den Fanartikelmarkt zwichen den Kassenhäuschen. Hier konnte neben einigen russischen Fanartikel auch unter anderem ein Programmheft aus Donetzk plus unabgerissener Eintrittskarte erstanden werden. Als sich wieder alle eingefunden hatten deckte man sich mit Tickets für das Spiel für umgerechnet 12 DM ein. Danach ging es 3 Strassen weiter zu einem Hotel das für jeden 35 Dollar kostete. Beim durchzappen stiess man dann zufällig auf die Berichterstattung über das World Trade Center, konnte aber nicht genau verstehen was überhaupt passiert war. Beim "Dinner" wurde man von den anderen zunächst deswegen mehr belächelt. Rambo verstand es so als wenn ein kleines Propellerteil dieses Gebäude geschrammt hätte.
Das Abendessen erwies sich als sehr lustig. Eine ca. 18jährige Russin im Ledermini versuchte uns zu bedienen. Da sie natürlich von allen permanent angegafft wurde konnte sie irgendwann nicht mehr unterdrücken zu lachen. Dazu kamen noch so plumpe Aktionen wie das Fallenlassen einer Serviette vom Desperado. Nach dem letzten Gang wurde Sie dann etwas böse, da Schmidti schwarz gegessen hatte. Ein paar Grivna und die Sache war gegessen. Danach ging es zurück aufs Zimmer wo man sich erst über die Ausmasse der Katastrophe in den USA klar wurde. Irgendwann erreichte uns dann eine Mail das die UEFA beschlossen hätte dei Dienstagsspiele stattfinden zu lassen. So ging es dann ca. 2 Stunden vor Anstoss Richtung Stadion. Dort herrschte Reges Polizei- und Militäraufkommen. Da es keinen Gästeblock gab ging man zum Block 18 des Oberranges für den man sich ja Karten gekauft hatte. Allerdings wurde einem dort sofort klar gemacht das es in diesem Block aus Sicherheitsgründen nicht möglich wäre Fahnen aufzuhängen oder ähnliches. Das ganze erschien Moritz und mir so suspekt das wir uns zur Haupttribüne aufmachten wo gerade Thomas, Daniel und Jan dabei waren ihre Transparente zu hissen. Als man dieses auch getan hatte, kam ein grimmiger Kerl auf mich zu und verlangte meine Eintrittskarte und verwies mich danach des Blockes. Nachdem man diesen aber nach kurzer Diskussion mit einer englisch - sprachigen Ordnerin wieder betreten hatte, tauchte dieser komische Carabinieri wieder raus. Das ganze setzte sich solange fort bis die beiden Ordnunghüter endlich miteinander gesprochen hatten. Da der Block nun immer voller wurde und man des öfteren von Ukrainern angemault wurde das man sich auf deren Sitzen befände beschloss man alle zusammen in den besagten Block 18 umzuziehen. Dagegen hatte allerdings mein ganz spezieller Freund was. Nun durften alle Deutschen diesen Block nicht mehr verlassen. Stattdessen wurde wir alle in die ersten 2 Reihen hinter einem seltsamen Podest auf dem jede Menge Carabinieri standen verfrachtet. Die Sicht aufs Spielfeld war von hier aus natürlich atemberaubend. Zwischen den ganzen Behelmten konnte man abundzu ein Fleckchen grün erkennen. Nach ständigem Nörgeln wurden einige Beamte von ihrer Position darufhin abgezogen. Die angetrunkene "Fliegerbesatzung" freundete sich in der Zeit mit den Einheimischen an. Nachdem Ölle einem aufsässigen Ukrainer richtig eine reingeschlagen hatte wurden beide abgeführt. Ölle kam jedoch später wieder rein. Das Stadion besteht übrigens aus einem 2stöckigen unüberdachten Rund das mit orangenen Sitzschalen ausgestattet ist. Lediglich ein Block unterhalb der VIP- und Presseröhre besitzt blaue Sitzgelegheiten. Mitgereist waren übrigens 70 Mann. 50 davon waren mit der Mannschaft geflogen und befanden sich auf jenen blauen Sitzen, der schäbige Rest hockte nun von Beamten umgeben 2 Blöcke weiter. Von Spielbeginn an versuchte unser kleines Grüppchen den BVB lautstark zu unterstützen, wobei man sich nicht von seinem Sitz erheben durfte um einem Rüffel der Cops zu entgehen. Hinter uns sassen ein paar griesgrämige Ukrainer die unseren Support nicht so witzig fanden. Diese legten so langsam aber sicher die Hasskappe auf und brüllten so schlaue Sätze wie "Deutsch - scheisse!". Nach verschlafenem Start und 2-0 Rückstand kam der BVB dann immer besser in Fahrt und konnte in Hälfte 2 noch unter strömenden Regen ausgleichen. Der 2. Torpogo konnte nur noch durch die Zwischenstände aus Gelsenkirchen übertroffen werden. Die kyrillisch verschlüsselten Ergebnisse konnten nur mühsam enträtselt werden. Die Einheimischen konnten unsere Gefühlsausbrüche zugunsten der Mallorqiner gar nicht verstehen. Nach Spielende folgte so eine Art Blocksperre. Erst als das Stadion komplett leer war durften wir aufhören unseren Stars beim auslaufen zuzujubeln und den Ground verlassen. Dabei traf man überraschenderweise auf den Lauterer Mardo, der gerade dabei war eine Ukraine/Russlandtour zu starten. In unserern Polizeikessel hatten sich mitlerweile schon ein paar Osteuropäer geschlichen die auch schon fleissig am telefonieren waren. Zunächst sollte man in die U-Bahn verfrachtet werden was einem dann doch zu unsicher war. So ging es weiter unter Polizeischutz zum Taxistand. Dort setzte wir uns dann mit 6 Mann vom Geschehen ab um zu Fuss zum Hotel zu gehen. Beim Marsch durch die dunklen Strassen vorbei an Fanbussen bemerkte man nach geraumer Zeit eine Gruppe von 10-12 Mann die uns permanent hinterher liefen. Wenige Meter vor unserem Hotel wurde man dann zum Kampf aufgefordert was wir ablehnten und schnellen Fusses unsere Herberge aufsuchten. Lediglich Schmidti nutzte die Gunst der Stunde noch ein paar Tritte zu verteilen bevor der Sicherheitsmann vom Hotel in hinein zog und die Polizei informierte. Die "Taxifahrer" waren auch schon längst da. So schaute man noch ein bischen die CL-Zusammenfassung im TV als plötzlich Mardo erneut auftauchte und man ihm für die Nacht Asyl gewährte. Dieser hatte auch noch ein paar Anekdoten über seine kürzliche Irak-Reise zu berichten. Gegen 7 Uhr verliess man das Nachtquartier und liess sich zum Bahnhof chauffieren. Auch hier wollte uns der Fahrer abziehen, was diesem jedoch letztendlich nicht gelang. Auf dem Rückweg konnten wir von Kiew bis Frankfurt/Oder durchfahren, was dazu genutzt wurde sich erstmal in den ganz ordentlichen Schlafabteilen ein paar Stunden hinzulegen. Gegn mittag tauchten unerwartet meine Magenprobleme in ähnlicher Stärke wieder auf. Diesmal unterstützt von einem Gefühl sich alle paar Minuten auf eine Toilette setzen zu müssen. Da tauchte nur ein Problem auf. An der ukrainisch/polnischen Grenze werden die Toiletten für 2 Stunden abgeschlossen, da die Zugräder vom russischen auf das westeuropäische Netz umgerüstet werden müssen. Mit Magenkrämpfen musste ich die sturen Quadratschädel desöfteren anbetteln, bis schleisslich ein deutsch und russischsprschiger Reisender für mich was deichseln konnte. So durften ich mich unter den "Davai, Davai" - Geschrei eines Grenzers hinter diese seltsame Grenzhalle sch...en. Keine nette Situation. Um die Nerven der Beamten nicht noch weiter zu strapazieren musste ich trotzdem über 1 1/2 Stunden weiter vor meinem nächsten erlaubten Stuhlgang auszuhalten. Als dieses Disaster vorbei war tauchten bei mir erneut Übelkeit und Schwindelgefühle auf, sodaß ich versuchte ein wenig zu schlafen während der Rest der Leute schon wieder gut am schütten war. Nach dem Grenzübergang konnte ich mich beim besten Willen nicht mehr auf den Beinen halten sodaß ich ins Klinikum Frankfurt/Oder mit Verdacht auf Salmonellen eingeliefert wurde. Dort durfte ich dann noch 3 Tage bis Samstag mittag verbringen.
Alles in allem für die anderen 11 eine geniale Fahrt, da ja eigentlich alles geklappt hat und man viel erlebt hatte. Für mich hingegen ein absoluter Alptraum. Wahrlich kein Vergnügen im kranken Zustand in solche Länder unter solchen Bedingungen zu reisen.
Will aber nicht weiter klagen.

 















Seltsamer Schlafwagen